Cookie in the box – Teil 8

Wohl doch ein Scherz. Nach einem Meter hatte ich vor einer weiß gekachelten Wand gestanden und als ich an ihr vorbei gegangen war, direkt in einem Herrenklo. Drei Urinale, alt zum Teil schwarz angelaufen, mit altmodischen Druckknöpfen und rostigen Rohren, die in der Wand verschwanden, hingen in den Raum hinein wie träge glotzende Augen. Gegenüber eine Kabine, die, das konnte ich durch die offene Tür sehen, innen mit einer grünen Blümchentapete ausgekleidet war. Vermutlich der Damenbereich, dachte ich. In der Toilette war es still. Keine von selbst einsetzende Spülung, kein Tropfen, keine Ratten oder Schlangen. Immerhin. Ich suchte die Ausgangstür und fand sie. Es war eine Doppeltür, und als ich die innere öffnete, schlugen mir von hinter der anderen Tür Kneipengeräusche entgegen. Ich öffnete die zweite Tür und fand mich in einem kleinen Flur, der zu einem großen Gastraum führte, wieder. Jenseits des Flurs Tische, Fenster, Stühle, eine Theke, lärmende Menschen, Rauch in der Luft, Klirren von Gläsern. Langsam ging ich hinein. Leben. Es war ein sehr seltsames Gefühl, wieder unter Menschen zu sein, echten Menschen, die atmeten, alterten und laute Stimmen hatten. Ich versuchte mich anhand irgendeines Zeichens zu orientieren, wo ich war. Die Wände waren voller Plakate aus den Sechzigern und Fünfzigern, teilweise von Konzertankündigungen, es gab aber auch alte Werbeanzeigen. Auf jeden Fall war es Deutsch, aber auf den ersten Blick sah ich keine Anhaltspunkte, wo ich mich gerade befand. Ich suchte die Fenster. Sie waren Milchverglast. Hinter ihnen gab es Bewegung, verschwommene Silhouetten von Menschen, die vorbei gingen, von Fahrzeugen. Ein gutes Zeichen, dachte ich, ich war auf jeden Fall an einem “normalen” Ort.

Eine Bewegung in meinem Augenwinkel gelangte an meine Aufmerksamkeit. Jemand hatte die Hand gehoben, wie zum Gruß. Ich drehte mich um – mein Führer.

“Komm, setz dich.”, sagte er. Als wäre nichts gewesen. Oder als hätte er nichts anderes erwartet, als mich hier zu treffen, aber das hatte er vermutlich auch nicht. Ich zögerte. Wie hatte das alles eigentlich angefangen? Wo waren wir uns begegnet und wann hatte ich mein Einverständnis dazu gegeben, mich von ihm durch die Gegend schubsen zu lassen? Welche Frage hatte ich gestellt, um auf die Antworten gestoßen zu werden. Ich versuchte mich zu erinnern, aber ich konnte es nicht. War das ein Traum? Der Gedanke kam mir zum ersten Mal. Alles hatte keinen Anfang gehabt und die Wirklichkeit lief nicht mehr linear ab, zumindest nicht logisch. Es musste ein Traum sein. Instinktiv zwickte ich mich. Es tat weh. War das ein sicherer Beweis? Ich hatte einmal gelesen, dass man Träume beeinflussen kann, sobald man sich bewusst ist, dass man träumt. Ich versuchte, meinem Führer eine rosa Elefantenkopf wachsen zu lassen. Kein Ergebnis. Es fiel auch kein Glas herunter und der Tod kam nicht zur Tür herein und küsste mich dann stürmisch und nicht lebensgefährlich. Alles blieb wie es war. Dennoch hatte sich etwas verändert. Als hätte die Luf, die schwer im Raum hing, eine neue Qualität bekommen, wie eine neue Windrichtung oder eine ganz entfernt wahrnehmbare Strömung – plötzlich hatte ich das Gefühl, dass jeder hier mich beobachtete. Es wurde nicht leiser, die Menschen – Männer, es waren nur Männer – starrten mich nicht an, aber es schien, als beobachteten sie mich in den Augenwinkeln, als seien die Gespräche, das Anstoßen und das Scharren der Holzstühle auf den Holzdielen nur Ablenkung, eine Theaterkulisse, dafür da, mich zu täuschen, während es in der Handlung um etwas ganz anderes ging.

“Setz dich”, wiederholte er in meine Gedanken. Widerstrebend ging ich zu seinem Tisch, rückte mir einen Stuhl und setzte mich. Er nickte. “Ein Bier?”. Ich nickte. Er rief dem Mann hinter der Theke eine Marke zu, die ich nicht kannte und drehte sich dann wieder zu mir. “Wie gehts dir?” Gute Frage. Wie ging es mir? Mein Ohr pochte schmerzhaft, wo das Ding vom Boot mir das Ohrläppchen abgerissen hatte. Ich griff mit der Hand an die zerfetzte Stelle um zu sehen, ob es blutete, aber es war trocken. Ein bißchen wie versengt, nicht verkrustet. “Das heilt wieder.”, sagte er. “Zumindest die Wunde. Aber es ist nicht so schlimm, dass du nie wieder gerade laufen könntest. Vielleicht gibt sie dir es ja irgendwann zurück.”

Ich fragte nicht nach. Ob und wie ich sie wieder treffen müssen würde oder warum sie das getan hatte; mich schmerzte in diesem Moment lediglich, dass ein Teil von mir anscheinend unwiederbringbar weg war. Mein Bier kam und es war ein tröstliches Gefühl, die kalte und mit Kondenswasser bedeckte Flasche in der Hand zu halten. Ich nahm einen Schluck direkt aus der Flasche und goß den Rest in mein Glas. Es war seltsam, obwohl ich mich an Bord des Bootes regelrecht betrunken hatte, fühlte sich mein Körper so trocken an, als hätte er tagelang keine Flüssigkeit bekommen. Er wartete, bis ich getrunken hatte.

“Frag”, sagte er.

Was sollte ich fragen? “Wo bin ich hier?” “Im ersten Lokal am Platz.” Etwas blitzte schelmisch in seinem Blick auf und er nippte an seinem Glas. Ich war des Katz-und-Maus Spiels müde und schwieg. Er wartete eine Weile, ob ich etwas sagen würde, dann machte er eine theatralische Geste mit seinen Händen und raunte: “Willkommen im Reich der gehenden Toten.”

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Ein Gedicht über die Liebe zur Sonne

Liebe zur Sonne

Ich habe eine Liebesbeziehung zur Sonne

sie zeigt mir ihre Liebe in Kilowatttonnen

und ist es auch arg, arg finster im Park

so weiß ich doch, letztendlich fehlt es an nichts

dank Helios gibt es kein Ende des Lichts

 

Ich habe eine Liebesbeziehung zur Sonne

das fehlt nun, so glaub ich, wohl den meisten Nonnen;

obgleich sie auch niemals in Urlaube fliegen

sind sie doch verwandt mit den blassesten Engeln;

Herr Jesus mag Frauen mit Kalziummängeln

 

Ich habe eine Liebesbeziehung zur Sonne,

da tret ich doch gerne den Rest in die Tonne

ich schließe mein Haus und kehr ihm den Rücken

begebe mich fort, auf zu fremden Gestaden

bei jedem Schritt singend, im Sommerlicht badend

 

Ich habe eine Liebesbeziehung zur Sonne

ach, draußen zu leben ist doch eine Wonne!

die frischeste Luft, voll Duft und Ozon

und außerdem ist man auch nie ganz alleine

die meisten der anderen haben sechs Beine

 

Ich habe eine Liebesbeziehung zur Sonne

das ist, als hätt’ man den Jackpot gewonnen

ich will ihr ganz nah sein und steig immer höher

das Ziel ist der Gipfel im ewigen Eise

dort setz ich mich hin und brenne ganz leise

Fahrräder

Fahrräder, die lautlosen Killer. Sie versetzen die Menschen in Angst und Schrecken. Lautlos schleichen sie sich von hinten an, man hört sie nicht, man sieht sie nicht, erst wenn der Lufthauch des Todes den ahnungslosen Passanten streift, ist er sich der Gefahr bewusst – und dann ist es schon zu spät. Dann ist der Fahrradfahrer mit seinem Höllengefährt schon vorbei und weg. Verschwindet in der nahen Ferne so spurlos, wie er gekommen ist. Selten in einer Rauchwolke.

Fahrräder – seit Jahrhunderten terrorisieren sie den Straßenverkehr. Schon Leonardo da Vinci fertigte Aufzeichnungen über sie an. Um die Gefahr einzudämmen, entwarf er Drahtesel ohne Bremse – vergeblich. Er starb, ehe sie sich durchsetzen konnten. Die Fahrräder siegten. Auch in den Zeitaltern danach war ihr Siegeszug nicht aufzuhalten. Sie breiteten sich schneller und weiter aus als die Pest. Heute findet man sie in jeder Straße, an jedem Haus, Schandmale und Flecken dokumentieren den schleichenden Verfall der Sitten im Straßenverkehr.

Wer sind diese Fahrräder? Woher kommen sie? Um ihnen auf die Schliche zu kommen, muss man in den alten Texten suchen. Aber weder die Illuminaten, noch die Rosenkreuzer oder die Freimaurer trauten sich, sie in ihren Schriften zu erwähnen. Fündig wird man erst in einem Werk mit den lateinischen Buchstaben S T V O. Dort wird der Umgang mit ihnen beschrieben und auch die Vorsichtsmaßnahmen, die man ergreifen muss. Unter anderem heißt es dort: „Halte Abstand von ihnen, mindestens eineinhalb Meter, dann können sie dir nichts anhaben; achte auf ihre Markierungen; Fahrräder folgen speziellen Leitlinien, genauso wie Zugvögel. Du erkennst diese Linien an dem auf ihnen abgebildeten Fahrradskelett. (Makaber, aber hilfreich) Merkst du, dass du eine dieser Linien kreuzt, fliehe!, verlasse sie sofort, ist es zu spät und ein Fahrrad hat sich dir genährt und bellt mit lautem Gebimmel, beschimpfe es nicht, bedrohe es nicht, greife es nicht an. Halte Augenkontakt und gehe zügig und ohne überflüssige Bewegung zur Seite, du Wurm!“ nicht wörtlich.

Aber alle Vorsichtsmaßnahmen helfen nicht, wenn das Fahrrad durchdreht. Wenn es seinen Menschen in halsbrecherischen Manövern abzuwerfen sucht, ohne ihm die Zeit zum Schulterblick zu geben, wild die Fahrbahnen kreuzt, vor mit quietschenden Reifen abbremsende Autos galoppiert und offensichtlich farbenblind auf keinerlei Ampelanzeige reagiert. Es schmerzt mich, an all die vielen Seelen zu denken, die auf diese Weise von uns gegangen sind.

Das Rätsel um den Ursprung der Bösartigkeit der Zweiräder ist bis heute ungeklärt. Es ergeben sich nur manchmal Merkwürdigkeiten, für die die Menschheit noch keine Erklärung hat. So fand ich neulich eine Fahrradleiche, die ich kannte. Sie hatte mir schon mehrmals die Vorfahrt genommen und ihren Menschen in kopflose Manöver sondergleichen gestürzt. Nun lag sie da am Straßenrand. Leblos. Ich nahm einen Stock und stupste sie an, um mich zu vergewissern, dass keine Gefahr mehr von ihr drohte, aber sie war tot. Ich dankte still dem Himmel.

Ein paar Tage später jedoch, sah ich ihren Menschen, den ich verloren geglaubt hatte. Ein Auto hatte ihn gefressen und dieses Auto nahm mir gerade die Vorfahrt, nur um gleich danach mit überhöhter Geschwindigkeit über eine schon lange rote Ampel zu fahren.

Ich wurde bleich. Hatte das Fahrrad seine Bösartigkeit über den Menschen auf das Auto übertragen? Droht uns der Untergang des Straßenverkehrs? Wenn sich jetzt Unsitten der Fahrradfahrer auf die Autofahrer übertragen, die doch bisher alle so vorbildlich fahren, was blüht uns dann? Wie zur Antwort sah ich darauf einen Fahrradfahrer, der sich doch tatsächlich an die Verkehrsregeln hielt und einen Autofahrer, der nicht versuchte ihn zu töten und da wurde mir klar: Fahrräder sind nicht scheiße. Menschen sind scheiße. Und Menschen, die scheiße Fahrrad fahren, fahren auch scheiße Auto.

Cookie in the box – Teil 7

…blitzten. Ihre Augen blitzten, als würde jemand sie anleuchten. Oder besser, als führe der Lichtkegel eines Leuchtturms über sie, denn zuerst schimmerte die blasse Haut um ihre Augen und dann blitzten ihre Augen nacheinander, erst rechts, dann links, immer wieder, in gleichen Abständen. Ich wollte mich umdrehen, sehen, ob da irgendwo Land war, aber ihre Augen ließen es nicht zu. Ihr Blick lähmte alle Muskeln in meinem Gesicht, gleichzeitig kroch etwas kaltes, hartes langsam von meinem Bauchnabel nach oben. Zuerst dachte ich, es wäre ihre Hand, aber dann fühlte es sich so an, als kröche es unter meiner Haut, schob sich Zentimeter für Zentimeter vowärts wie eine Spinne unter einem Teppich. Und ich erkannte: Es war ihre Hand. Ich spürte, wie meine Haut sich über das fremde Ding spannte und es sich in meinen Eingeweiden anfühlte, als wüte da ein Haken aus Stahl. Mir wurde schlecht, aber statt mich zu übergeben, verspürte ich eher Lust, mich um diesen Haken zu wickeln, meine Schmerzen und meine Übelkeit in dieser Spule zu verlieren und mich dem süßen Nichtsein hinzugeben, zu sterben. Dann, Bruchteile von Sekunden später, war der Schmerz vorbei. Die Spinne hatte mein Herz erreicht und die Klaue schloss sich darum. Augenblicklich wich alle Spannung aus mir. Eine sanfte Kühle breitete sich von dort, wo die Klaue mein Herz fest hielt, erfüllte jede Zelle meines Körpers und dann war Frieden.

Frieden. Schweben. Eisgraue Augen und ein eisgraues Herz. Es gab keine Zeit mehr. Jetzt wusste ich, wovon die Versuchung gesprochen hatte. Ewigkeit, der Atem des Universums. Ich spürte, wie dieser Atem mich durchdrang, wie jeder Atemzug dieser Weite durch mich durch rollte wie eine Welle an den Strand. Friedlich, endlich und doch ewig. Jeder Atemzug war Friede, war Ruhe, war Licht. Eisgraues Licht. Ich war endlich angekommen.

Mit einem Ruck riss die Versuchung ihre Hand aus meiner Brust und die Welt wurde zerrissen von Schmerz. Wenn das ein Vorgeschmack auf den Tod gewesen war, dann wusste ich in diesem Moment wohl, wie sich eine Geburt anfühlte – als Gebärender. Das idiotische Bild einer Analgeburt, der einzig halbwegs nachvollziehbaren Vergleichsmöglichkeit für mich als Mann, verstärkte das sowieso schon unerträgliche Gefühl, von innen zerrissen zu werden ins Unermessliche. Die Gegenwart oder wie immer man das an einem Ort ohne Zeit nennen konnte, traf mich wie ein Hammerschlag. Vor mir hingen die Augen des grässlichen totenähnlichen Dinges, aber sie waren nicht mehr eisgrau, sondern blutrot und ihre roten Haare tanzten im Wind wie eine Horde Druiden in ritueller Verzückung. Das Gesicht der Versuchung leuchtete – in Farben. Ihre Haut hatte rote Flecken und blaue Adern zogen sich wie Schnitte zu ihren Mundwinkeln und über ihr Kinn und ihr Mund war zu einem gierigen Lächeln verzogen. Ich bekam wieder Luft, ich atmete! Nach Äonen einer Ewigkeit, die mich geatmet hatte. Die mich geboren, erzeugt, versorgt und übernommen hatte. Der schneidende, kalte Sauerstoff schmeckte auf meinen Lippen nach Blei und Eisen, meine Lippen selber waren trocken und aufgesprungen und meine Zunge, die instinktiv die Blutstropfen von ihnen klaubte, fühlte sich an wie ein Stück getrocknetes Leder. Wasser. Ich brauchte Wasser. Und Blut, meldete sich eine Stimme in meinem Inneren. Ich sah die Versuchung vor Augen. Sie hatte mein Blut genommen! Deswegen…lebte sie auf einmal. Auf einmal bekam ich Todesangst. Das Ding hatte wilde funkelnde Augen, es saß immer noch auf mir. Ich war zu schwach, um mich zu wehren, – wie süß war doch der Friede voher gewesen! – ich wollte gleichzeitig, dass es weg ging und seine sanfte kühle Hand um mein Herz legte. Aber statt dessen blickte es mir auf einmal mit der Klarheit eines Ziellasers in die Augen, teilte mir begeistert mit: “Ich fühle! Ich fühle”, beugte sich vor, küsste meinen Hals, erst in der Beuge, dann, mit der Zunge an meiner Halsschlagader nuckelnd, Stück für Stück nach oben, saugte an meinem Kiefer, hielt kurz inne, holte keuchend Luft und biss mir mit einem Ruck mein rechtes Ohrläppchen ab.

Erneut Schmerz. Hätte sie mir eine Hälfte meines Gesichts abgerissen, hätte es nicht schlimmer sein können, wobei ich versuchte, den Gedanken nicht zu Ende zu denken, denn wer wusste, ob sie es nicht noch tat.

Der Schmerz verstärkte den widersinnigen Gedanken, von ihr berührt zu werden. Dass sie mich, oder wenigstens den blutigen Fetzen, der an meinem Ohr baumelte, wieder mit sanfter Kühle füllen würde. Stattdessen sah ich, wie ihr Gesicht ein letztes Mal grell aufleuchtete und dann langsam alle Farbe aus ihm wich. Sie wurde erst blass, dann grau, dann verschwand das Gesicht wieder und bevor es sich völlig auflöste, schlug sie ihre Kapuze wieder über ihre Haare, stand auf, ging zur Reling und zündete sich eine Zigarette an. Augenblicklich hatte sie mich vergessen. Sie stand da, rauchte, schwenkte in der Hand ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit (wo zur Hölle hatte sie diese Sachen immer her?!) und es war, als wären wir wieder an dem Punkt von vor…von vorher halt, als ich noch zwei komplette Ohren hatte.

Erstaunlicherweise linderte das meine Schmerzen. Es war, als könnte ich fühlen, wie die Zeit anhielt und damit auch mein Körper aufhörte, neue Schmerzen und schmerzhaftes Verlangen zu produzieren. Stattdessen kroch die Gräue zurück in die Wirklichkeit, das eintönige Nichtssein einer kopflosen Ewigkeit. Das war es, was sie war, wurde mir klar: Kopflos. Deswegen drehte sie sich ewig im Kreis auf diesem Fluss, kam nirgendwo an und veränderte sich nicht. Sie war kopflose Zukunft, dem Wind und den Wellen komplett ausgeliefert – und sie wusste das.

Langsam schob ich mich an der Holzwand nach oben. Meine Beine waren wie Pudding, doch es ging mit jeder Sekunde besser. Seltsamerweise spürte ich keinen Hass auf sie, keine Lust, sie anzufallen und über Bord zu werfen. Wenn ich an mein Ohrläppchen dachte, schmerzte mich mein Verlust, aber ich konnte auf das armselige Ding, das da an der Reling lauerte nicht sauer sein. Auch wenn ihre Berührung…

“Und, hat´s dir gefallen, Kleiner?”, fragte sie zwischen zwei Zügen. Ich schwieg. Ich stand nur da und sah sie an. Es war eigentlich undenkbar, aber ich hatte das Gefühl, dass sie unter meinem Blick nervös wurde. Ihre Zigarette verließ ihre Lippen so gut wie gar nicht mehr und wurde auch nicht mehr kleiner, so als könnte sie willentlich steuern, ob eine Zigarette abbrannte, oder nicht. Wahrscheinlich konnte sie das einfach, es wunderte mich im Grunde nicht. Ich spürte, dass wir fertig waren. Sie sagte nichts mehr und ich hatte keine Fragen. Mit jedem Atemzug kehrte das Leben – und der Schmerz – in meinen Körper zurück, ich fühlte den Wind auf meiner Haut und mein Gesichtsfeld weitete sich. Der Lichtkegel war jetzt unübersehbar. Wie ein Suchscheinwerfer in den alten Filmen, in denen Gefängnisinsassen sich unter der Mauer druchbuddeln oder einen Weg darüber finden, fuhr er über die schwarze Wand aus Dunst und Nebel, die auf dem Wasser lag und der Kreis wurde mit jeder Umdrehung größer.

Ich drehte mich, zum ersten Mal, wie mir schien, weg von der Versuchung und schaute über den Bug nach vorne, in die Richtung, in die das Boot jetzt deutlich wahrnehmbar fuhr. Wir fuhren auf den Leuchtturm zu. Er stand alleine da, lediglich ein kleiner Felsrand um ihn herum war erkennbar, der wenige Meter aus dem Wasser ragte. Keine Insel, kein Land – nur der Leuchtturm. Er sah aus wie in einem Kinderbuch, hoch, rot-weiß gestreift und in seinem leuchtenden Auge konnte man deutlich eine riesige altmodische Glühbirne erkennen. Wir waren bereits sehr nah und ich war nicht überrascht, als das Boot zielstrebig auf die kleine Anlegestelle am Fuße einer in den Stein gebauten und mit einem metallenen Geländer versehenen Treppe zu hielt. Die Versuchung ließ keinerlei Regung erkennen. Das Boot verlangsamte seine Fahrt, aber als ich meine Hand nach dem Geländer schon beinahe ausstrecken konnte, wie als letzten kleinen Scherz, machte das Boot im allerletzten Moment einen Ruck und knallte gegen die Gummireifen an der Anlegestelle, so dass ich nicht an Land ging, sondern über die Reling geschleudert wurde und hart auf der kleinen Plattform aufschlug. Ich rappelte mich auf und drehte mich zu dem Boot um, auf dem die Zeit wie immer still stand. Die Zukunft/Versuchung lehnte an der Bordwand und rauchte. Das Boot trieb schon wieder ein Stück weg vom Steg und es trieb unübersehbar – keine Fahrt, keine Richtung, kein Ziel. Ich hob die Hand, um mich zu verabschieden, aber es kam keine Reaktion. In der Tat wirkte es, als hätte ich mit dem Leuchtturm eine andere Welt betreten und das Boot und sein einsamer Passagier mich bereits vergessen. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis der Nebel es einhüllte, als würde Gott oder das Universum seine Hand darauf legen und es sachte zurück in sein Reich holen und wie eine Fata Morgana verdunstete das Bild von einem Moment zum nächsten und verschwand mit einem Stück von mir an Bord. Zurück blieben der schwarze Fluss, der Leuchtturm – und der Rest von mir.

Ich drehte mich zum Leuchtturm um. Halb erwartete ich, eine weitere Blödelei der Unendlichkeit, etwa in der Art, dass es keine Tür gab und ich erst tagelang um den Turm herum laufen musste, ehe sie plötzlich auftauchte, aber die Tür war gut sichtbar am Ende des kleinen Weges, zu dem die Treppe führte. Ich klopfte meine Kleider ab, wie um den Staub einer langen Reise abzuschütteln und stieg die Treppen hoch. Das Gefühl festen Landes unter meinen Füßen war seltsam, mein Körper schwankte bei jedem Schritt. Wie lange war ich auf dem Boot gewesen? Ich schob den Gedanken beiseite und ging auf die Tür zu. Sie war oben abgerundet, wie ein Torbogen aus dem Mittelalter und aus hölzernen Latten gebaut, ebenfalls wie im Mittelalter. Der Türgriff war ein messingfarbenes Ungetüm mit einem Schlüsselloch, das wie ein Drachenkopf mit einem weit aufgerissenen Maul aussah. Hoffentlich brauchte ich keinen Schlüssel, bis jetzt war mir zumindest keiner begegnet, aber vielleicht hatte ich ihn ja auch übersehen.

Ich drückte die Türklinke herunter und die Tür ging widerstandslos auf. Ein seltsam bekannter unangenehmer Geruch schlug mir entgegen, eine Mischung aus Fäulnis, Schimmel und…WC-Steinen. Ich hielt instinktiv die Luft an trat ein.

Cookie in the box – Teil 6

Abgesehen von der gewissen Surrealität, mit der Zukunft/Versuchung auf einem kleinen Boot führerlos über einen Fluss zu treiben, dessen Ufer nicht zu sehen war und das alles unter einem leuchtenden schwarzen Himmel auf einem genauso leuchtenden und schwarzen Meer, begann sich nach einer Weile auch eine gepflegte Langeweile breit zu machen.

Zukunftung oder Versuchunft machte von sich aus keinerlei Anstalten, ein Gespräch zu beginnen, oder mir wenigstens undurchsichtige Fragen zu stellen, stattdessen lehnte sie (ich kehre aufgrund ihrer Natur zu sie zurück) an der Reling, kippte sich Bier um Bier hinter die Binde, wobei ich keinerlei Ahnung hatte, woher sie die Flaschen zauberte, und rauchte und kiffte dazu abwechselnd. Genauso wenig wie die Herkunft der Flaschen war mir klar, wie sie das alles konsumierte, wenn sie keinen richtigen Kopf, geschweige denn ein Gesicht, hatte, aber die Antwort auf diese Frage interessierte mich nicht wirklich. Schweigend lehnten wir an der Bordwand, schauten über die gegenüber liegende Seite des Bootes auf die endlose Wasseroberfläche und hingen unseren Gedanken nach. Wie lange wir so blieben, weiß ich nicht, denn außer dem Inhalt unserer Flaschen und der Länge der Zigarettenstummel änderte sich nichts. Das Licht wechselte nicht, die Sonne ging weder auf noch unter, es kamen kein Schiff und kein Land in Sicht, alles blieb veränderungslos, irgendwie ewig.

“Was machst du eigentlich den ganzen Tag?”, fragte ich nach der dritten Flasche Bier.

“Es gibt hier keine Tage”, nuschelte die Kapuze zurück. Aha. Eine weitere Flasche Schweigen. Nach der vierten Flasche fragte ich sie, warum ich eigentlich noch nicht aufs Klo musste und wo es gegebenenfalls zu finden sei.

“Trink noch eins, dann unterhalten wir uns in Ruhe.” Da nichts weiter sonst anstand, leerten wir zusammen unsere jeweils fünfte Flasche. Vielleicht war´s auch schon die sechste. Ich musste immer noch nicht und mein Kopf fühlte sich so klar an wie nach einem Glas Mineralwasser. Der Versuchung schien es nicht ganz so gut zu gehen. “Die Zeit *hicks*”, fing sie an, “ist eine kleine Maus in einem Hamsterrad, die immer nur läuft und läft, aber sonst nichts tut. Ich hab sie mal getroffen und gefragt, was so ab geht und sie hat nur gekeucht und gepiept: ‘Kann jetzt nicht reden, muss dieses Rad hochlaufen, piep’ und ist immer weiter vor sich hin gelaufen, also hab ich sie gepackt, das Rad umgeschmissen und die Maus mit dem Schwanz an den nächsten Türgriff gebunden und weißt du was passiert ist?”

“Nein, was?”

“Nichts. Absolut nichts. Die Zeit ist nur eine kleine Maus, Kleiner, mach dir darum keine Sorgen.”

“Mach ich nicht. Ich hab dich gefragt, wo hier das Klo ist.”

“Erklär ich dir doch gerade, *hicks*, die Zeit ist nur eine kleine Maus, deswegen hat die hier mal gar nichts zu melden”, bei dem ‘hier’ machte sie eine weit ausholende Bewegung mit einem Arm, so dass ich mich ducken musste, um nicht ihre Flasche an den Kopf zu kriegen, “und deswegen musst du nicht pissen. Prost!” Sagte es und kippte die siebte Flasche in einem Zug runter.

Ich meinerseits musste zwar noch immer nicht, hatte aber nach wie vor keine Ahnung warum. Das schien mir quer ins Gesicht geschrieben zu sein, denn als sie die Flasche absetzte, schaute sie zu mir und sagte in einem Ton, als spreche sie gerade mit einem Schwachsinnigen: “Mann, hier gibt´s keine Zeit, capiche? Keine Veränderung. Deine Niere verarbeitet nichts und nichts kommt in deine Blase. Ist doch klar, oder?”

Auf den ersten Blick ja. Auf den zweiten nein. “Und, äh, wo ist dann das ganze Bier, das ich gerade getrunken habe? Müsste das nicht noch in meinem Magen sein und ich fast platzen?”

Die Kapuze drehte sich halb zu mir, schüttelte etwas mit dem Kopf, drehte sich wieder weg und dann kam es auch schon.

Wie vor – zwei Stunden? drei Stunden? fünf Tagen? – lehnte ich wieder über der Reling und kotzte bittere Flüssigkeit kübelweise in das schwarze Wasser.

Als ich wieder halbwegs Luft bekam, kauerte ich wie üblich an der Innenseite der Schiffswand und winselte: “Jetzt sterbe ich echt.” Die Kapuzengestalt lehnte sich zu mir heunter und blies mir Zigarettenrauch mit Bieratem ins Gesicht, ließ das wirken und sagte dann: “Geht nicht, Kleiner. Keine Zeit, kein Tod, keine Thana. Nur du und ich in alle Ewigkeit. Aber sei nicht traurig,”, flötete sie hinterher, zog ihre Kapuze ab und blickte mich mit dem schönen Gesicht des Todes an, “wir zwei können hier eine Menge Spaß haben.” Dabei legte sie eine Hand auf mein Knie. “Eine Menge Spaß…”, sie legte ihre andere Hand auf meinen Oberschenkel. “Viiieeeeel Spaß…”

Auch die erste Hand wanderte langsam meinen Oberschenkel hoch. Die zweite näherte sich meinem Schritt. Ich konnte ihre Hände unter dem Umhangstoff nicht erkennen, aber sie fühlten sich an wie große Spinnen, die langsam an mir hockrabbelten. Eine ihrer Hände schlüpfte unter mein Hemd und tastete sich Richtung Brust. Von meinem Kinn an nach unten war es eiskalt. Mein Gesicht dagegen brannte. Die Erscheinung mit ihren jetzt flammend roten Haaren kam näher, das weiße Oval wuchs und verdrängte alles andere aus meinem Blickfeld, während die eisgrauen Augen in der Mitte…”

Anmerkung des Autors: Die Teile 1-5 wurden veröffentlich und sind einsehbar auf dem Blog des Unsichtbar Verlages: http://www.unsichtbar-verlag.de/