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„Ich möchte eine Geschichte schreiben.“
„Dann musst du drei Geschichten schreiben, bis eine davon deine wird.“
„Warum das?“
„Die erste Geschichte die zu dir kommt ist wie ein Splitter oder ein Schnitt in deinem Finger. Sie ist ein Ereignis das ein Gegenereignis auslöst, so wie dein Körper seine kleinen Armeen von Abwehrzellen schickt, um den Eindringling zu bekämpfen.
Die zweite Geschichte die du schreibst ist immer eine Reinigung. Wenn der Schnitt erst einmal zu bluten angefangen hat, bündelt der Körper alles was er an Giftstoffen hat und entledigt sich dessen wie bei einem Aderlass. Genauso macht es dein Geist.
Erst bei der dritten Geschichte, wenn jedes Hindernis und jeder alte Gedanke deinen Geist verlassen haben, kann das Blut direkt aus deinem Herzen aufs Papier fließen.“

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“Und was machen wir dann hier? Oder besser: ich?” Er überging die Beleidigung. “Dieser Ort hier existiert nur, weil er sowas wie eine Schnittstelle zwischen den Welten ist.” “Zwischen welchen Welten?” “Zwischen den meisten.” “Aha.” Er seufzte wieder mal geduldig. “Erinnerst du dich an die Tür, die von der Toilette hierher führt?” “Türen. Da waren zwei.” “Exakt, genauso funktioniert das mit den Welten. Du hast ein Tor auf beiden Seiten. Dazwischen ist ein kleiner Streifen Niemandsland. Wie an jeder beliebigen Grenze.” “Und dieser Streifen ist eine Bar?” “Genau. Man muss sich seinen Aufenthalt da ja irgendwie angenehm machen.” Sagte es und nahm einen Schluck. Hatte er nicht gerade erst über Suchties und Zombies doziert? Langsam sickerte die Bedeutung dessen, was er gesagt hatte, durch. “Also, gehen wir von hier aus woanders hin?” “Richtig.” Ich traute mich nicht zu fragen, wohin, denn vermutlich würde es nicht besser werden. Ein eigenartiges Ziehen meldete sich in meinem Nacken. Ähnlich dem Gefühl, beobachtet zu werden, das ich ja nun schon die ganze Zeit hatte, nur stärker. Ich wollte mich umdrehen, aber er sagte hastig: “Sieh nicht hin.” “Zu wem?” Er nickte mit dem Kopf in Richtung einer Gestalt, die zwei Tische hinter mir saß. Im Augenwinkel sah ich, dass der Mann lange Haare hatte, eine große Brille und ein fleckiges, weißes T-Shirt trug. “Das ist ein Seelenfresser. Schau ihm nicht in die Augen, sonst bist du noch ein Stück los und das wird dir bedeutend mehr weh tun.” “Ein Seelenfresser?” “Ja, ein Seelenfresser. Wo es Leben gibt, gibt es Parasiten. Ganz gleich, wie dieses Leben aussieht.” Er machte eine Pause. “Selbst wenn es so aussieht wie du. Gehen wir.” Damit stand er auf und schob seinen Stuhl zurück an den Tisch. “Ohne zu zahlen?” “Ich habe schon für uns gezahlt. Mit dir. Also komm, ehe sie dich hier zu sehr ins Herz schließen.” Eilig stand ich auf und folgte ihm. Natürlich gingen wir wieder zur Toilette. Erst in dem kleinen Flur ließ das Ziehen und Reißen an meinem Körper nach. Es war, wie Ketten abzuwerfen. “Mach dich bereit, wir treffen jetzt Harold.” “Harold?” “Harold.” “Wer ist Harold?” “Der, den wir jetzt treffen. Bereit?” “Keine Ahnung.” “Dann los.” und er stieß die zweite Tür auf und zog mich mit.

Ein Wort zu Taxifahrern.
Taxifahrer sind positiv eingestellte Mitmenschen.
Dabei ist es egal, ob sie gerade im Ausland oder bei sich zu Hause sind.
Ein Beispiel.
Man kommt am Flughafen an, steigt in ein Taxi und sagt:
„Guten Tag. Zum Hotel Ambassador, bitte.“ Der Taxifahrer sagt:
„Ja.“
„Wissen Sie wo das ist?“
„Ja.“
„Na dann fahren Sie.“
Weil nichts passiert wiederholt man „Na dann fahren Sie“ mit einer entsprechenden Handbewegung.
Der Fahrer sagt: „Ja.“ Und fährt los.
Auf dem Weg der übliche Smalltalk („Schöne Stadt. Tolles Wetter. Interessante Musik die Sie da hören.“ „Ja. Ja. Ja.“).
Schließlich hält das Taxi vor dem Hotel Heidelberg.
Der Fahrer zeigt auf das Gebäude und sagt: „Ja.“
„Ist das das Ambassador?“
„Ja.“
„Da steht aber Heidelberg.“
„Ja.“
„Ich wollte aber zum Ambassador.“
„Ja.“
„Das ist aber nicht das Ambassador.“
„Ja.“
„Sie wissen gar nicht wo das ist, oder?“
„Ja.“
„Sie haben aber gesagt, Sie wüssten wo das ist.“
„Ja.“
„Aber Sie verstehen kein Wort von dem was ich sage.“
„Ja.“
„Gut, dann werde ich jetzt aussteigen und jemanden suchen, der mich dahin bringen kann, wo ich hin will.“
„Ja. 5000 Euro. Ja.“
„5000 Euro für fünf Minuten Fahrt zur falschen Adresse?“
„Ja.“
Sie verarschen mich doch.“
„Ja.“
„Das zahle ich nicht.“
„/&$&%/EyHurensohnDreckAlterIschDischDrehkickundFickDeineOma)&%)%(%&%+“
„Meine Oma ist seit 13 Jahren tot. Wollen Sie wirklich Sex mit ihr haben?“
„Ja.“

“Im Reich der gehenden Toten? Müsste es nicht der ‘lebenden Toten’ heißen?” “Nein, wenn sie tot wären, würden sie ja nicht mehr leben, oder.?” Da waren wir wieder. “Ok, was heißt: ‘Der gehenden Toten.” Er nahm einen Schluck. “Ganz einfach, es sind die jenigen die tot sind, aber sich weigern, sich so zu verhalten.” “?” “Die Seelen von Toten gehen in das Reich der Toten, über den Fluss der Unterwelt…” “Den Styx!” “…genau, aber manche von ihnen weigern sich, dorthin zu gehen. Weil sie Angst haben, vor Strafe, vor Dingen die sie auf der Erde unerledigt gelassen haben, etc. Diese Seelen kommen hierher, es ist der einzige Ort, an dem sie sich aufhalten können, ohne sich den Gesetzen einer der beiden Welten unterwerfen zu müssen. Ganz grob erklärt.” “Erklärungen führen eigentlich dazu, dass man etwas versteht. Ich verstehe ehrlich gesagt gar nichts. Sind sie tot oder lebendig? Sind das Seelen oder Zombies?” “Zombies”, sagte er abfällig, “jeder Drogenabhängige ist ein Zombie. Zombies sind Leute die nicht mehr aus eigenem Willen handeln, sondern von etwas gesteuert werden, ohne sich dessen bewusst zu sein. Aber sie leben noch. Seelen sind ätherisch, nicht greifbar, als Seele kannst du kein Glas mehr halten, so wie die hier. Es sei denn, du suchst oder machst dir einen neuen Körper.” Er machte eine Pause. “Also Besetzung? Wie in: ‘Der Exorzist?'” “Nein, Schöpfung. Wie in: ‘Die Bibel’. ‘Am Anfang war das Wort’, erinnerst du dich?” “Gott…schöpft. Oder? Er alleine und nicht wir.” “Was bist du anderes als Gottes Ebenbild? Klar kannst du auch schöpfen.” Ich versuchte es einfach mal spontan. Er bekam immer noch keinen rosa Elefantenkopf. Er sah wie üblich meine Fragezeichengesicht und sagte: “Es gibt eine Legende von einem Weisen und einem Schüler. Der Schüler fragte den Meister, wie er selber auch weise werden könnte. Der Weise lud ihn zu einem Spaziergang ein. Sie kamen an einen Fluss. Der Weise packte den Schüler, warf ihn ins Wasser und hielt seinen Kopf so lange unter Wasser, bis er bewusstlos war. Als der Schüler kurz danach am Ufer erwachte, fragte er seinen Meister, warum er das getan hatte. Dieser sagte: ‘Was hast du dir am meisten gewünscht, als dein Kopf unter Wasser war?’ ‘Luft!’, antwortete der Schüler. ‘Erst, wenn du dir so stark wünschst, zu wissen, wie du dir vorhin gewünscht hast, zu atmen, dann wirst du Wissen erlangen.’, sagte der Weise. Was also sagt dir das?” Ich sah mich um und betrachtete die Gestalten an den anderen Tischen. Sie sahen aus wie die klassische Besetzung einer Biker-Bar in einem schlechten Film. Wie Schwerverbrecher. Ich drehte mich wieder zu ihm. In meinem Rücken spürte ich nach wie vor die versteckten Blicke der anderen. “Dass wir hier umgeben von Wahnsinnigen sitzen?” Er nahm sein Glas in die Hand. “Genau. Von hochgradig Wahnsinnigen und absoluten Fanatikern. Willkommen am Arsch der Welt. Prost!”

Wohl doch ein Scherz. Nach einem Meter hatte ich vor einer weiß gekachelten Wand gestanden und als ich an ihr vorbei gegangen war, direkt in einem Herrenklo. Drei Urinale, alt zum Teil schwarz angelaufen, mit altmodischen Druckknöpfen und rostigen Rohren, die in der Wand verschwanden, hingen in den Raum hinein wie träge glotzende Augen. Gegenüber eine Kabine, die, das konnte ich durch die offene Tür sehen, innen mit einer grünen Blümchentapete ausgekleidet war. Vermutlich der Damenbereich, dachte ich. In der Toilette war es still. Keine von selbst einsetzende Spülung, kein Tropfen, keine Ratten oder Schlangen. Immerhin. Ich suchte die Ausgangstür und fand sie. Es war eine Doppeltür, und als ich die innere öffnete, schlugen mir von hinter der anderen Tür Kneipengeräusche entgegen. Ich öffnete die zweite Tür und fand mich in einem kleinen Flur, der zu einem großen Gastraum führte, wieder. Jenseits des Flurs Tische, Fenster, Stühle, eine Theke, lärmende Menschen, Rauch in der Luft, Klirren von Gläsern. Langsam ging ich hinein. Leben. Es war ein sehr seltsames Gefühl, wieder unter Menschen zu sein, echten Menschen, die atmeten, alterten und laute Stimmen hatten. Ich versuchte mich anhand irgendeines Zeichens zu orientieren, wo ich war. Die Wände waren voller Plakate aus den Sechzigern und Fünfzigern, teilweise von Konzertankündigungen, es gab aber auch alte Werbeanzeigen. Auf jeden Fall war es Deutsch, aber auf den ersten Blick sah ich keine Anhaltspunkte, wo ich mich gerade befand. Ich suchte die Fenster. Sie waren Milchverglast. Hinter ihnen gab es Bewegung, verschwommene Silhouetten von Menschen, die vorbei gingen, von Fahrzeugen. Ein gutes Zeichen, dachte ich, ich war auf jeden Fall an einem “normalen” Ort.

Eine Bewegung in meinem Augenwinkel gelangte an meine Aufmerksamkeit. Jemand hatte die Hand gehoben, wie zum Gruß. Ich drehte mich um – mein Führer.

“Komm, setz dich.”, sagte er. Als wäre nichts gewesen. Oder als hätte er nichts anderes erwartet, als mich hier zu treffen, aber das hatte er vermutlich auch nicht. Ich zögerte. Wie hatte das alles eigentlich angefangen? Wo waren wir uns begegnet und wann hatte ich mein Einverständnis dazu gegeben, mich von ihm durch die Gegend schubsen zu lassen? Welche Frage hatte ich gestellt, um auf die Antworten gestoßen zu werden. Ich versuchte mich zu erinnern, aber ich konnte es nicht. War das ein Traum? Der Gedanke kam mir zum ersten Mal. Alles hatte keinen Anfang gehabt und die Wirklichkeit lief nicht mehr linear ab, zumindest nicht logisch. Es musste ein Traum sein. Instinktiv zwickte ich mich. Es tat weh. War das ein sicherer Beweis? Ich hatte einmal gelesen, dass man Träume beeinflussen kann, sobald man sich bewusst ist, dass man träumt. Ich versuchte, meinem Führer eine rosa Elefantenkopf wachsen zu lassen. Kein Ergebnis. Es fiel auch kein Glas herunter und der Tod kam nicht zur Tür herein und küsste mich dann stürmisch und nicht lebensgefährlich. Alles blieb wie es war. Dennoch hatte sich etwas verändert. Als hätte die Luf, die schwer im Raum hing, eine neue Qualität bekommen, wie eine neue Windrichtung oder eine ganz entfernt wahrnehmbare Strömung – plötzlich hatte ich das Gefühl, dass jeder hier mich beobachtete. Es wurde nicht leiser, die Menschen – Männer, es waren nur Männer – starrten mich nicht an, aber es schien, als beobachteten sie mich in den Augenwinkeln, als seien die Gespräche, das Anstoßen und das Scharren der Holzstühle auf den Holzdielen nur Ablenkung, eine Theaterkulisse, dafür da, mich zu täuschen, während es in der Handlung um etwas ganz anderes ging.

“Setz dich”, wiederholte er in meine Gedanken. Widerstrebend ging ich zu seinem Tisch, rückte mir einen Stuhl und setzte mich. Er nickte. “Ein Bier?”. Ich nickte. Er rief dem Mann hinter der Theke eine Marke zu, die ich nicht kannte und drehte sich dann wieder zu mir. “Wie gehts dir?” Gute Frage. Wie ging es mir? Mein Ohr pochte schmerzhaft, wo das Ding vom Boot mir das Ohrläppchen abgerissen hatte. Ich griff mit der Hand an die zerfetzte Stelle um zu sehen, ob es blutete, aber es war trocken. Ein bißchen wie versengt, nicht verkrustet. “Das heilt wieder.”, sagte er. “Zumindest die Wunde. Aber es ist nicht so schlimm, dass du nie wieder gerade laufen könntest. Vielleicht gibt sie dir es ja irgendwann zurück.”

Ich fragte nicht nach. Ob und wie ich sie wieder treffen müssen würde oder warum sie das getan hatte; mich schmerzte in diesem Moment lediglich, dass ein Teil von mir anscheinend unwiederbringbar weg war. Mein Bier kam und es war ein tröstliches Gefühl, die kalte und mit Kondenswasser bedeckte Flasche in der Hand zu halten. Ich nahm einen Schluck direkt aus der Flasche und goß den Rest in mein Glas. Es war seltsam, obwohl ich mich an Bord des Bootes regelrecht betrunken hatte, fühlte sich mein Körper so trocken an, als hätte er tagelang keine Flüssigkeit bekommen. Er wartete, bis ich getrunken hatte.

“Frag”, sagte er.

Was sollte ich fragen? “Wo bin ich hier?” “Im ersten Lokal am Platz.” Etwas blitzte schelmisch in seinem Blick auf und er nippte an seinem Glas. Ich war des Katz-und-Maus Spiels müde und schwieg. Er wartete eine Weile, ob ich etwas sagen würde, dann machte er eine theatralische Geste mit seinen Händen und raunte: “Willkommen im Reich der gehenden Toten.”

Liebe zur Sonne

Ich habe eine Liebesbeziehung zur Sonne

sie zeigt mir ihre Liebe in Kilowatttonnen

und ist es auch arg, arg finster im Park

so weiß ich doch, letztendlich fehlt es an nichts

dank Helios gibt es kein Ende des Lichts

 

Ich habe eine Liebesbeziehung zur Sonne

das fehlt nun, so glaub ich, wohl den meisten Nonnen;

obgleich sie auch niemals in Urlaube fliegen

sind sie doch verwandt mit den blassesten Engeln;

Herr Jesus mag Frauen mit Kalziummängeln

 

Ich habe eine Liebesbeziehung zur Sonne,

da tret ich doch gerne den Rest in die Tonne

ich schließe mein Haus und kehr ihm den Rücken

begebe mich fort, auf zu fremden Gestaden

bei jedem Schritt singend, im Sommerlicht badend

 

Ich habe eine Liebesbeziehung zur Sonne

ach, draußen zu leben ist doch eine Wonne!

die frischeste Luft, voll Duft und Ozon

und außerdem ist man auch nie ganz alleine

die meisten der anderen haben sechs Beine

 

Ich habe eine Liebesbeziehung zur Sonne

das ist, als hätt’ man den Jackpot gewonnen

ich will ihr ganz nah sein und steig immer höher

das Ziel ist der Gipfel im ewigen Eise

dort setz ich mich hin und brenne ganz leise

Fahrräder, die lautlosen Killer. Sie versetzen die Menschen in Angst und Schrecken. Lautlos schleichen sie sich von hinten an, man hört sie nicht, man sieht sie nicht, erst wenn der Lufthauch des Todes den ahnungslosen Passanten streift, ist er sich der Gefahr bewusst – und dann ist es schon zu spät. Dann ist der Fahrradfahrer mit seinem Höllengefährt schon vorbei und weg. Verschwindet in der nahen Ferne so spurlos, wie er gekommen ist. Selten in einer Rauchwolke.

Fahrräder – seit Jahrhunderten terrorisieren sie den Straßenverkehr. Schon Leonardo da Vinci fertigte Aufzeichnungen über sie an. Um die Gefahr einzudämmen, entwarf er Drahtesel ohne Bremse – vergeblich. Er starb, ehe sie sich durchsetzen konnten. Die Fahrräder siegten. Auch in den Zeitaltern danach war ihr Siegeszug nicht aufzuhalten. Sie breiteten sich schneller und weiter aus als die Pest. Heute findet man sie in jeder Straße, an jedem Haus, Schandmale und Flecken dokumentieren den schleichenden Verfall der Sitten im Straßenverkehr.

Wer sind diese Fahrräder? Woher kommen sie? Um ihnen auf die Schliche zu kommen, muss man in den alten Texten suchen. Aber weder die Illuminaten, noch die Rosenkreuzer oder die Freimaurer trauten sich, sie in ihren Schriften zu erwähnen. Fündig wird man erst in einem Werk mit den lateinischen Buchstaben S T V O. Dort wird der Umgang mit ihnen beschrieben und auch die Vorsichtsmaßnahmen, die man ergreifen muss. Unter anderem heißt es dort: „Halte Abstand von ihnen, mindestens eineinhalb Meter, dann können sie dir nichts anhaben; achte auf ihre Markierungen; Fahrräder folgen speziellen Leitlinien, genauso wie Zugvögel. Du erkennst diese Linien an dem auf ihnen abgebildeten Fahrradskelett. (Makaber, aber hilfreich) Merkst du, dass du eine dieser Linien kreuzt, fliehe!, verlasse sie sofort, ist es zu spät und ein Fahrrad hat sich dir genährt und bellt mit lautem Gebimmel, beschimpfe es nicht, bedrohe es nicht, greife es nicht an. Halte Augenkontakt und gehe zügig und ohne überflüssige Bewegung zur Seite, du Wurm!“ nicht wörtlich.

Aber alle Vorsichtsmaßnahmen helfen nicht, wenn das Fahrrad durchdreht. Wenn es seinen Menschen in halsbrecherischen Manövern abzuwerfen sucht, ohne ihm die Zeit zum Schulterblick zu geben, wild die Fahrbahnen kreuzt, vor mit quietschenden Reifen abbremsende Autos galoppiert und offensichtlich farbenblind auf keinerlei Ampelanzeige reagiert. Es schmerzt mich, an all die vielen Seelen zu denken, die auf diese Weise von uns gegangen sind.

Das Rätsel um den Ursprung der Bösartigkeit der Zweiräder ist bis heute ungeklärt. Es ergeben sich nur manchmal Merkwürdigkeiten, für die die Menschheit noch keine Erklärung hat. So fand ich neulich eine Fahrradleiche, die ich kannte. Sie hatte mir schon mehrmals die Vorfahrt genommen und ihren Menschen in kopflose Manöver sondergleichen gestürzt. Nun lag sie da am Straßenrand. Leblos. Ich nahm einen Stock und stupste sie an, um mich zu vergewissern, dass keine Gefahr mehr von ihr drohte, aber sie war tot. Ich dankte still dem Himmel.

Ein paar Tage später jedoch, sah ich ihren Menschen, den ich verloren geglaubt hatte. Ein Auto hatte ihn gefressen und dieses Auto nahm mir gerade die Vorfahrt, nur um gleich danach mit überhöhter Geschwindigkeit über eine schon lange rote Ampel zu fahren.

Ich wurde bleich. Hatte das Fahrrad seine Bösartigkeit über den Menschen auf das Auto übertragen? Droht uns der Untergang des Straßenverkehrs? Wenn sich jetzt Unsitten der Fahrradfahrer auf die Autofahrer übertragen, die doch bisher alle so vorbildlich fahren, was blüht uns dann? Wie zur Antwort sah ich darauf einen Fahrradfahrer, der sich doch tatsächlich an die Verkehrsregeln hielt und einen Autofahrer, der nicht versuchte ihn zu töten und da wurde mir klar: Fahrräder sind nicht scheiße. Menschen sind scheiße. Und Menschen, die scheiße Fahrrad fahren, fahren auch scheiße Auto.