…blitzten. Ihre Augen blitzten, als würde jemand sie anleuchten. Oder besser, als führe der Lichtkegel eines Leuchtturms über sie, denn zuerst schimmerte die blasse Haut um ihre Augen und dann blitzten ihre Augen nacheinander, erst rechts, dann links, immer wieder, in gleichen Abständen. Ich wollte mich umdrehen, sehen, ob da irgendwo Land war, aber ihre Augen ließen es nicht zu. Ihr Blick lähmte alle Muskeln in meinem Gesicht, gleichzeitig kroch etwas kaltes, hartes langsam von meinem Bauchnabel nach oben. Zuerst dachte ich, es wäre ihre Hand, aber dann fühlte es sich so an, als kröche es unter meiner Haut, schob sich Zentimeter für Zentimeter vowärts wie eine Spinne unter einem Teppich. Und ich erkannte: Es war ihre Hand. Ich spürte, wie meine Haut sich über das fremde Ding spannte und es sich in meinen Eingeweiden anfühlte, als wüte da ein Haken aus Stahl. Mir wurde schlecht, aber statt mich zu übergeben, verspürte ich eher Lust, mich um diesen Haken zu wickeln, meine Schmerzen und meine Übelkeit in dieser Spule zu verlieren und mich dem süßen Nichtsein hinzugeben, zu sterben. Dann, Bruchteile von Sekunden später, war der Schmerz vorbei. Die Spinne hatte mein Herz erreicht und die Klaue schloss sich darum. Augenblicklich wich alle Spannung aus mir. Eine sanfte Kühle breitete sich von dort, wo die Klaue mein Herz fest hielt, erfüllte jede Zelle meines Körpers und dann war Frieden.

Frieden. Schweben. Eisgraue Augen und ein eisgraues Herz. Es gab keine Zeit mehr. Jetzt wusste ich, wovon die Versuchung gesprochen hatte. Ewigkeit, der Atem des Universums. Ich spürte, wie dieser Atem mich durchdrang, wie jeder Atemzug dieser Weite durch mich durch rollte wie eine Welle an den Strand. Friedlich, endlich und doch ewig. Jeder Atemzug war Friede, war Ruhe, war Licht. Eisgraues Licht. Ich war endlich angekommen.

Mit einem Ruck riss die Versuchung ihre Hand aus meiner Brust und die Welt wurde zerrissen von Schmerz. Wenn das ein Vorgeschmack auf den Tod gewesen war, dann wusste ich in diesem Moment wohl, wie sich eine Geburt anfühlte – als Gebärender. Das idiotische Bild einer Analgeburt, der einzig halbwegs nachvollziehbaren Vergleichsmöglichkeit für mich als Mann, verstärkte das sowieso schon unerträgliche Gefühl, von innen zerrissen zu werden ins Unermessliche. Die Gegenwart oder wie immer man das an einem Ort ohne Zeit nennen konnte, traf mich wie ein Hammerschlag. Vor mir hingen die Augen des grässlichen totenähnlichen Dinges, aber sie waren nicht mehr eisgrau, sondern blutrot und ihre roten Haare tanzten im Wind wie eine Horde Druiden in ritueller Verzückung. Das Gesicht der Versuchung leuchtete – in Farben. Ihre Haut hatte rote Flecken und blaue Adern zogen sich wie Schnitte zu ihren Mundwinkeln und über ihr Kinn und ihr Mund war zu einem gierigen Lächeln verzogen. Ich bekam wieder Luft, ich atmete! Nach Äonen einer Ewigkeit, die mich geatmet hatte. Die mich geboren, erzeugt, versorgt und übernommen hatte. Der schneidende, kalte Sauerstoff schmeckte auf meinen Lippen nach Blei und Eisen, meine Lippen selber waren trocken und aufgesprungen und meine Zunge, die instinktiv die Blutstropfen von ihnen klaubte, fühlte sich an wie ein Stück getrocknetes Leder. Wasser. Ich brauchte Wasser. Und Blut, meldete sich eine Stimme in meinem Inneren. Ich sah die Versuchung vor Augen. Sie hatte mein Blut genommen! Deswegen…lebte sie auf einmal. Auf einmal bekam ich Todesangst. Das Ding hatte wilde funkelnde Augen, es saß immer noch auf mir. Ich war zu schwach, um mich zu wehren, – wie süß war doch der Friede voher gewesen! – ich wollte gleichzeitig, dass es weg ging und seine sanfte kühle Hand um mein Herz legte. Aber statt dessen blickte es mir auf einmal mit der Klarheit eines Ziellasers in die Augen, teilte mir begeistert mit: “Ich fühle! Ich fühle”, beugte sich vor, küsste meinen Hals, erst in der Beuge, dann, mit der Zunge an meiner Halsschlagader nuckelnd, Stück für Stück nach oben, saugte an meinem Kiefer, hielt kurz inne, holte keuchend Luft und biss mir mit einem Ruck mein rechtes Ohrläppchen ab.

Erneut Schmerz. Hätte sie mir eine Hälfte meines Gesichts abgerissen, hätte es nicht schlimmer sein können, wobei ich versuchte, den Gedanken nicht zu Ende zu denken, denn wer wusste, ob sie es nicht noch tat.

Der Schmerz verstärkte den widersinnigen Gedanken, von ihr berührt zu werden. Dass sie mich, oder wenigstens den blutigen Fetzen, der an meinem Ohr baumelte, wieder mit sanfter Kühle füllen würde. Stattdessen sah ich, wie ihr Gesicht ein letztes Mal grell aufleuchtete und dann langsam alle Farbe aus ihm wich. Sie wurde erst blass, dann grau, dann verschwand das Gesicht wieder und bevor es sich völlig auflöste, schlug sie ihre Kapuze wieder über ihre Haare, stand auf, ging zur Reling und zündete sich eine Zigarette an. Augenblicklich hatte sie mich vergessen. Sie stand da, rauchte, schwenkte in der Hand ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit (wo zur Hölle hatte sie diese Sachen immer her?!) und es war, als wären wir wieder an dem Punkt von vor…von vorher halt, als ich noch zwei komplette Ohren hatte.

Erstaunlicherweise linderte das meine Schmerzen. Es war, als könnte ich fühlen, wie die Zeit anhielt und damit auch mein Körper aufhörte, neue Schmerzen und schmerzhaftes Verlangen zu produzieren. Stattdessen kroch die Gräue zurück in die Wirklichkeit, das eintönige Nichtssein einer kopflosen Ewigkeit. Das war es, was sie war, wurde mir klar: Kopflos. Deswegen drehte sie sich ewig im Kreis auf diesem Fluss, kam nirgendwo an und veränderte sich nicht. Sie war kopflose Zukunft, dem Wind und den Wellen komplett ausgeliefert – und sie wusste das.

Langsam schob ich mich an der Holzwand nach oben. Meine Beine waren wie Pudding, doch es ging mit jeder Sekunde besser. Seltsamerweise spürte ich keinen Hass auf sie, keine Lust, sie anzufallen und über Bord zu werfen. Wenn ich an mein Ohrläppchen dachte, schmerzte mich mein Verlust, aber ich konnte auf das armselige Ding, das da an der Reling lauerte nicht sauer sein. Auch wenn ihre Berührung…

“Und, hat´s dir gefallen, Kleiner?”, fragte sie zwischen zwei Zügen. Ich schwieg. Ich stand nur da und sah sie an. Es war eigentlich undenkbar, aber ich hatte das Gefühl, dass sie unter meinem Blick nervös wurde. Ihre Zigarette verließ ihre Lippen so gut wie gar nicht mehr und wurde auch nicht mehr kleiner, so als könnte sie willentlich steuern, ob eine Zigarette abbrannte, oder nicht. Wahrscheinlich konnte sie das einfach, es wunderte mich im Grunde nicht. Ich spürte, dass wir fertig waren. Sie sagte nichts mehr und ich hatte keine Fragen. Mit jedem Atemzug kehrte das Leben – und der Schmerz – in meinen Körper zurück, ich fühlte den Wind auf meiner Haut und mein Gesichtsfeld weitete sich. Der Lichtkegel war jetzt unübersehbar. Wie ein Suchscheinwerfer in den alten Filmen, in denen Gefängnisinsassen sich unter der Mauer druchbuddeln oder einen Weg darüber finden, fuhr er über die schwarze Wand aus Dunst und Nebel, die auf dem Wasser lag und der Kreis wurde mit jeder Umdrehung größer.

Ich drehte mich, zum ersten Mal, wie mir schien, weg von der Versuchung und schaute über den Bug nach vorne, in die Richtung, in die das Boot jetzt deutlich wahrnehmbar fuhr. Wir fuhren auf den Leuchtturm zu. Er stand alleine da, lediglich ein kleiner Felsrand um ihn herum war erkennbar, der wenige Meter aus dem Wasser ragte. Keine Insel, kein Land – nur der Leuchtturm. Er sah aus wie in einem Kinderbuch, hoch, rot-weiß gestreift und in seinem leuchtenden Auge konnte man deutlich eine riesige altmodische Glühbirne erkennen. Wir waren bereits sehr nah und ich war nicht überrascht, als das Boot zielstrebig auf die kleine Anlegestelle am Fuße einer in den Stein gebauten und mit einem metallenen Geländer versehenen Treppe zu hielt. Die Versuchung ließ keinerlei Regung erkennen. Das Boot verlangsamte seine Fahrt, aber als ich meine Hand nach dem Geländer schon beinahe ausstrecken konnte, wie als letzten kleinen Scherz, machte das Boot im allerletzten Moment einen Ruck und knallte gegen die Gummireifen an der Anlegestelle, so dass ich nicht an Land ging, sondern über die Reling geschleudert wurde und hart auf der kleinen Plattform aufschlug. Ich rappelte mich auf und drehte mich zu dem Boot um, auf dem die Zeit wie immer still stand. Die Zukunft/Versuchung lehnte an der Bordwand und rauchte. Das Boot trieb schon wieder ein Stück weg vom Steg und es trieb unübersehbar – keine Fahrt, keine Richtung, kein Ziel. Ich hob die Hand, um mich zu verabschieden, aber es kam keine Reaktion. In der Tat wirkte es, als hätte ich mit dem Leuchtturm eine andere Welt betreten und das Boot und sein einsamer Passagier mich bereits vergessen. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis der Nebel es einhüllte, als würde Gott oder das Universum seine Hand darauf legen und es sachte zurück in sein Reich holen und wie eine Fata Morgana verdunstete das Bild von einem Moment zum nächsten und verschwand mit einem Stück von mir an Bord. Zurück blieben der schwarze Fluss, der Leuchtturm – und der Rest von mir.

Ich drehte mich zum Leuchtturm um. Halb erwartete ich, eine weitere Blödelei der Unendlichkeit, etwa in der Art, dass es keine Tür gab und ich erst tagelang um den Turm herum laufen musste, ehe sie plötzlich auftauchte, aber die Tür war gut sichtbar am Ende des kleinen Weges, zu dem die Treppe führte. Ich klopfte meine Kleider ab, wie um den Staub einer langen Reise abzuschütteln und stieg die Treppen hoch. Das Gefühl festen Landes unter meinen Füßen war seltsam, mein Körper schwankte bei jedem Schritt. Wie lange war ich auf dem Boot gewesen? Ich schob den Gedanken beiseite und ging auf die Tür zu. Sie war oben abgerundet, wie ein Torbogen aus dem Mittelalter und aus hölzernen Latten gebaut, ebenfalls wie im Mittelalter. Der Türgriff war ein messingfarbenes Ungetüm mit einem Schlüsselloch, das wie ein Drachenkopf mit einem weit aufgerissenen Maul aussah. Hoffentlich brauchte ich keinen Schlüssel, bis jetzt war mir zumindest keiner begegnet, aber vielleicht hatte ich ihn ja auch übersehen.

Ich drückte die Türklinke herunter und die Tür ging widerstandslos auf. Ein seltsam bekannter unangenehmer Geruch schlug mir entgegen, eine Mischung aus Fäulnis, Schimmel und…WC-Steinen. Ich hielt instinktiv die Luft an trat ein.

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