Abgesehen von der gewissen Surrealität, mit der Zukunft/Versuchung auf einem kleinen Boot führerlos über einen Fluss zu treiben, dessen Ufer nicht zu sehen war und das alles unter einem leuchtenden schwarzen Himmel auf einem genauso leuchtenden und schwarzen Meer, begann sich nach einer Weile auch eine gepflegte Langeweile breit zu machen.

Zukunftung oder Versuchunft machte von sich aus keinerlei Anstalten, ein Gespräch zu beginnen, oder mir wenigstens undurchsichtige Fragen zu stellen, stattdessen lehnte sie (ich kehre aufgrund ihrer Natur zu sie zurück) an der Reling, kippte sich Bier um Bier hinter die Binde, wobei ich keinerlei Ahnung hatte, woher sie die Flaschen zauberte, und rauchte und kiffte dazu abwechselnd. Genauso wenig wie die Herkunft der Flaschen war mir klar, wie sie das alles konsumierte, wenn sie keinen richtigen Kopf, geschweige denn ein Gesicht, hatte, aber die Antwort auf diese Frage interessierte mich nicht wirklich. Schweigend lehnten wir an der Bordwand, schauten über die gegenüber liegende Seite des Bootes auf die endlose Wasseroberfläche und hingen unseren Gedanken nach. Wie lange wir so blieben, weiß ich nicht, denn außer dem Inhalt unserer Flaschen und der Länge der Zigarettenstummel änderte sich nichts. Das Licht wechselte nicht, die Sonne ging weder auf noch unter, es kamen kein Schiff und kein Land in Sicht, alles blieb veränderungslos, irgendwie ewig.

“Was machst du eigentlich den ganzen Tag?”, fragte ich nach der dritten Flasche Bier.

“Es gibt hier keine Tage”, nuschelte die Kapuze zurück. Aha. Eine weitere Flasche Schweigen. Nach der vierten Flasche fragte ich sie, warum ich eigentlich noch nicht aufs Klo musste und wo es gegebenenfalls zu finden sei.

“Trink noch eins, dann unterhalten wir uns in Ruhe.” Da nichts weiter sonst anstand, leerten wir zusammen unsere jeweils fünfte Flasche. Vielleicht war´s auch schon die sechste. Ich musste immer noch nicht und mein Kopf fühlte sich so klar an wie nach einem Glas Mineralwasser. Der Versuchung schien es nicht ganz so gut zu gehen. “Die Zeit *hicks*”, fing sie an, “ist eine kleine Maus in einem Hamsterrad, die immer nur läuft und läft, aber sonst nichts tut. Ich hab sie mal getroffen und gefragt, was so ab geht und sie hat nur gekeucht und gepiept: ‘Kann jetzt nicht reden, muss dieses Rad hochlaufen, piep’ und ist immer weiter vor sich hin gelaufen, also hab ich sie gepackt, das Rad umgeschmissen und die Maus mit dem Schwanz an den nächsten Türgriff gebunden und weißt du was passiert ist?”

“Nein, was?”

“Nichts. Absolut nichts. Die Zeit ist nur eine kleine Maus, Kleiner, mach dir darum keine Sorgen.”

“Mach ich nicht. Ich hab dich gefragt, wo hier das Klo ist.”

“Erklär ich dir doch gerade, *hicks*, die Zeit ist nur eine kleine Maus, deswegen hat die hier mal gar nichts zu melden”, bei dem ‘hier’ machte sie eine weit ausholende Bewegung mit einem Arm, so dass ich mich ducken musste, um nicht ihre Flasche an den Kopf zu kriegen, “und deswegen musst du nicht pissen. Prost!” Sagte es und kippte die siebte Flasche in einem Zug runter.

Ich meinerseits musste zwar noch immer nicht, hatte aber nach wie vor keine Ahnung warum. Das schien mir quer ins Gesicht geschrieben zu sein, denn als sie die Flasche absetzte, schaute sie zu mir und sagte in einem Ton, als spreche sie gerade mit einem Schwachsinnigen: “Mann, hier gibt´s keine Zeit, capiche? Keine Veränderung. Deine Niere verarbeitet nichts und nichts kommt in deine Blase. Ist doch klar, oder?”

Auf den ersten Blick ja. Auf den zweiten nein. “Und, äh, wo ist dann das ganze Bier, das ich gerade getrunken habe? Müsste das nicht noch in meinem Magen sein und ich fast platzen?”

Die Kapuze drehte sich halb zu mir, schüttelte etwas mit dem Kopf, drehte sich wieder weg und dann kam es auch schon.

Wie vor – zwei Stunden? drei Stunden? fünf Tagen? – lehnte ich wieder über der Reling und kotzte bittere Flüssigkeit kübelweise in das schwarze Wasser.

Als ich wieder halbwegs Luft bekam, kauerte ich wie üblich an der Innenseite der Schiffswand und winselte: “Jetzt sterbe ich echt.” Die Kapuzengestalt lehnte sich zu mir heunter und blies mir Zigarettenrauch mit Bieratem ins Gesicht, ließ das wirken und sagte dann: “Geht nicht, Kleiner. Keine Zeit, kein Tod, keine Thana. Nur du und ich in alle Ewigkeit. Aber sei nicht traurig,”, flötete sie hinterher, zog ihre Kapuze ab und blickte mich mit dem schönen Gesicht des Todes an, “wir zwei können hier eine Menge Spaß haben.” Dabei legte sie eine Hand auf mein Knie. “Eine Menge Spaß…”, sie legte ihre andere Hand auf meinen Oberschenkel. “Viiieeeeel Spaß…”

Auch die erste Hand wanderte langsam meinen Oberschenkel hoch. Die zweite näherte sich meinem Schritt. Ich konnte ihre Hände unter dem Umhangstoff nicht erkennen, aber sie fühlten sich an wie große Spinnen, die langsam an mir hockrabbelten. Eine ihrer Hände schlüpfte unter mein Hemd und tastete sich Richtung Brust. Von meinem Kinn an nach unten war es eiskalt. Mein Gesicht dagegen brannte. Die Erscheinung mit ihren jetzt flammend roten Haaren kam näher, das weiße Oval wuchs und verdrängte alles andere aus meinem Blickfeld, während die eisgrauen Augen in der Mitte…”

Anmerkung des Autors: Die Teile 1-5 wurden veröffentlich und sind einsehbar auf dem Blog des Unsichtbar Verlages: http://www.unsichtbar-verlag.de/

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