Wohl doch ein Scherz. Nach einem Meter hatte ich vor einer weiß gekachelten Wand gestanden und als ich an ihr vorbei gegangen war, direkt in einem Herrenklo. Drei Urinale, alt zum Teil schwarz angelaufen, mit altmodischen Druckknöpfen und rostigen Rohren, die in der Wand verschwanden, hingen in den Raum hinein wie träge glotzende Augen. Gegenüber eine Kabine, die, das konnte ich durch die offene Tür sehen, innen mit einer grünen Blümchentapete ausgekleidet war. Vermutlich der Damenbereich, dachte ich. In der Toilette war es still. Keine von selbst einsetzende Spülung, kein Tropfen, keine Ratten oder Schlangen. Immerhin. Ich suchte die Ausgangstür und fand sie. Es war eine Doppeltür, und als ich die innere öffnete, schlugen mir von hinter der anderen Tür Kneipengeräusche entgegen. Ich öffnete die zweite Tür und fand mich in einem kleinen Flur, der zu einem großen Gastraum führte, wieder. Jenseits des Flurs Tische, Fenster, Stühle, eine Theke, lärmende Menschen, Rauch in der Luft, Klirren von Gläsern. Langsam ging ich hinein. Leben. Es war ein sehr seltsames Gefühl, wieder unter Menschen zu sein, echten Menschen, die atmeten, alterten und laute Stimmen hatten. Ich versuchte mich anhand irgendeines Zeichens zu orientieren, wo ich war. Die Wände waren voller Plakate aus den Sechzigern und Fünfzigern, teilweise von Konzertankündigungen, es gab aber auch alte Werbeanzeigen. Auf jeden Fall war es Deutsch, aber auf den ersten Blick sah ich keine Anhaltspunkte, wo ich mich gerade befand. Ich suchte die Fenster. Sie waren Milchverglast. Hinter ihnen gab es Bewegung, verschwommene Silhouetten von Menschen, die vorbei gingen, von Fahrzeugen. Ein gutes Zeichen, dachte ich, ich war auf jeden Fall an einem “normalen” Ort.

Eine Bewegung in meinem Augenwinkel gelangte an meine Aufmerksamkeit. Jemand hatte die Hand gehoben, wie zum Gruß. Ich drehte mich um – mein Führer.

“Komm, setz dich.”, sagte er. Als wäre nichts gewesen. Oder als hätte er nichts anderes erwartet, als mich hier zu treffen, aber das hatte er vermutlich auch nicht. Ich zögerte. Wie hatte das alles eigentlich angefangen? Wo waren wir uns begegnet und wann hatte ich mein Einverständnis dazu gegeben, mich von ihm durch die Gegend schubsen zu lassen? Welche Frage hatte ich gestellt, um auf die Antworten gestoßen zu werden. Ich versuchte mich zu erinnern, aber ich konnte es nicht. War das ein Traum? Der Gedanke kam mir zum ersten Mal. Alles hatte keinen Anfang gehabt und die Wirklichkeit lief nicht mehr linear ab, zumindest nicht logisch. Es musste ein Traum sein. Instinktiv zwickte ich mich. Es tat weh. War das ein sicherer Beweis? Ich hatte einmal gelesen, dass man Träume beeinflussen kann, sobald man sich bewusst ist, dass man träumt. Ich versuchte, meinem Führer eine rosa Elefantenkopf wachsen zu lassen. Kein Ergebnis. Es fiel auch kein Glas herunter und der Tod kam nicht zur Tür herein und küsste mich dann stürmisch und nicht lebensgefährlich. Alles blieb wie es war. Dennoch hatte sich etwas verändert. Als hätte die Luf, die schwer im Raum hing, eine neue Qualität bekommen, wie eine neue Windrichtung oder eine ganz entfernt wahrnehmbare Strömung – plötzlich hatte ich das Gefühl, dass jeder hier mich beobachtete. Es wurde nicht leiser, die Menschen – Männer, es waren nur Männer – starrten mich nicht an, aber es schien, als beobachteten sie mich in den Augenwinkeln, als seien die Gespräche, das Anstoßen und das Scharren der Holzstühle auf den Holzdielen nur Ablenkung, eine Theaterkulisse, dafür da, mich zu täuschen, während es in der Handlung um etwas ganz anderes ging.

“Setz dich”, wiederholte er in meine Gedanken. Widerstrebend ging ich zu seinem Tisch, rückte mir einen Stuhl und setzte mich. Er nickte. “Ein Bier?”. Ich nickte. Er rief dem Mann hinter der Theke eine Marke zu, die ich nicht kannte und drehte sich dann wieder zu mir. “Wie gehts dir?” Gute Frage. Wie ging es mir? Mein Ohr pochte schmerzhaft, wo das Ding vom Boot mir das Ohrläppchen abgerissen hatte. Ich griff mit der Hand an die zerfetzte Stelle um zu sehen, ob es blutete, aber es war trocken. Ein bißchen wie versengt, nicht verkrustet. “Das heilt wieder.”, sagte er. “Zumindest die Wunde. Aber es ist nicht so schlimm, dass du nie wieder gerade laufen könntest. Vielleicht gibt sie dir es ja irgendwann zurück.”

Ich fragte nicht nach. Ob und wie ich sie wieder treffen müssen würde oder warum sie das getan hatte; mich schmerzte in diesem Moment lediglich, dass ein Teil von mir anscheinend unwiederbringbar weg war. Mein Bier kam und es war ein tröstliches Gefühl, die kalte und mit Kondenswasser bedeckte Flasche in der Hand zu halten. Ich nahm einen Schluck direkt aus der Flasche und goß den Rest in mein Glas. Es war seltsam, obwohl ich mich an Bord des Bootes regelrecht betrunken hatte, fühlte sich mein Körper so trocken an, als hätte er tagelang keine Flüssigkeit bekommen. Er wartete, bis ich getrunken hatte.

“Frag”, sagte er.

Was sollte ich fragen? “Wo bin ich hier?” “Im ersten Lokal am Platz.” Etwas blitzte schelmisch in seinem Blick auf und er nippte an seinem Glas. Ich war des Katz-und-Maus Spiels müde und schwieg. Er wartete eine Weile, ob ich etwas sagen würde, dann machte er eine theatralische Geste mit seinen Händen und raunte: “Willkommen im Reich der gehenden Toten.”

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